Tagesanbruch von t-online

Tagesanbruch von t-online

Täglich mehr wissen

Transkript

Zurück zur Episode

00:00:00: Ich halte es für Blödsinn, was März da sagt.

00:00:02: Der Tonfall ist daneben wie so oft bei März.

00:00:06: Politik fühlt sich dieser Tage oft an wie eine Mischung aus Real-Satire- und Dauerkrise.

00:00:11: Dazu tauchen Begriffe wie Lifestyle-Teilzeit plötzlich in ernst gemeinten politischen Forderungen auf.

00:00:16: Der acht-Stunden-Arbeitstag steht zur Diskussion.

00:00:19: Bundeskanzler Merz sind die Krankheitstage der Arbeitnehmer ein Dorn im Auge.

00:00:23: Arbeitszeit wird also wieder zu einem großen politischen Thema.

00:00:27: Und die Reaktionen dazu sind unterschiedlich.

00:00:29: In den sozialen Medien wird heftig diskutiert.

00:00:32: Die letzte Vorserumfrage zeigt, dass die Union seit Monaten wieder vor der AfD liegt.

00:00:37: Diese Zahlen könnten darauf hindeuten, dass viele Menschen den Kurs nicht grundsätzlich ablehnen.

00:00:42: Wir wollen, dass heute ein wenig einordnen und die Frage klären, wie bleibt man bei so viel Aufregung noch klar im Kopf und wie verliert man dabei den Humor nicht.

00:00:51: Mit jemandem, der beruflich versucht, das politische Chaos satirisch zu sortieren, Kabarettist und Autor Florian Schröder.

00:00:58: Schön, dass sie da sind.

00:01:00: Und mit jemandem, der die politische Lage täglich journalistisch einordnet und analysiert,

00:01:07: Und hoffentlich auch halbwegs klar am Kopf ist.

00:01:09: Hallo.

00:01:09: Da hoffen wir beide drauf, für uns beide.

00:01:11: Beide Florians, also heute bei uns im Tagesanbruch, die Diskussion.

00:01:15: Wir bewegen uns heute zwischen Satire und Realität und fragen Florian Schröder in unserer Hubrik, was wir übersehen.

00:01:22: Am Ende der Folge noch, wo aus seiner Sicht bislang zu wenig hingeschaut wird.

00:01:26: Schöner Sie zuhören, starten wir rein.

00:01:33: in denen die Menschen in Deutschland

00:01:35: aus Krankheitsgründen

00:01:36: nicht arbeiten.

00:01:38: Ist das wirklich richtig?

00:01:40: Das sagt Bundeskanzler Friedrich Merz, Florian Harms.

00:01:44: Lass uns das zu Beginn einmal einordnen, in welchem Kontext steht denn diese Debatte?

00:01:49: Und wie belastbar sind eigentlich solche Durchschnittszahlen?

00:01:53: Naja, der Kontext ist, dass wir hierzulande eine große Debatte haben, wie wir unsere Wirtschaft wieder ankobeln können, wie wir eigentlich das, was die deutsche Wirtschaftsstärke ausmacht, nämlich Innovationsfreude, Exportstärke, auch Tüchtigkeit wieder an eine Stelle bekommen, dass man das Gefühl hat, das funktioniert ja alles gut wieder.

00:02:13: Wenn man jetzt diesen Ton, das Kanzler gerade gehört hat, dann kommt der ja in einer Tonalität und auch in einer Bedeutungsschwere rüber.

00:02:22: Das klingt fast wie so ein maßregelnder Lehrer oben auf dem Katheter, der uns allen, dreiundachtzig Millionen Menschen in diesem Land mal so richtig über den Mund fährt und den Kopf putzt und sagt, ihr, ihr, ihr, ihr dürft nicht so oft krank sein.

00:02:36: Ich glaube, das ist komplett falsch, das einfach so pauschal in den Raum zu stellen, vierzehn, fünf Tage.

00:02:44: wo dann auch jeder und jede sich angesprochen fühlen muss, führt auch nicht weiter.

00:02:47: Es gibt große regionale Unterschiede.

00:02:50: Es gibt den Hintergrund, dass seit der Corona-Pandemie die Krankheitstage erst so richtig erfasst werden und an die Krankenkassen gemeldet werden.

00:02:56: Seither haben wir erst diese genaue Statistik.

00:02:59: Also der Anstieg ist möglicherweise insgesamt gar nicht so groß, sondern wird nur besser erfasst.

00:03:04: Und mir kommt das Ganze ein bisschen seltsam vor.

00:03:06: Florian Schröder, wenn Sie solche Debatten hören über Krankheitstage, über Arbeitsmoral und die Leistungsbereitschaft, Ist das dann für sie politischer Ernst oder eigentlich schon Material fürs nächste Bühnenprogramm?

00:03:18: Das ist auf jeden Fall grandioses Material, weil es natürlich solche Debatten aufmacht, von denen man eigentlich denkt.

00:03:25: Es geht an den wirklich wichtigen Themen, die wir zu bearbeiten haben vorbei.

00:03:29: Trotzdem ist es natürlich dadurch lustig.

00:03:32: Ich halte es für... Blödsinn.

00:03:34: Was Merz da sagt, stimme Florian Harms in der Analyse völlig zu.

00:03:37: Der Tonfall ist daneben wie so oft bei Merz.

00:03:40: Der Tonfall ist oberlehrerhaft.

00:03:43: Das ist so ein bisschen wie Opa, der am Nachmittagstisch noch mal sagt, die Kinder arbeiten aber zu wenig.

00:03:48: Die sind alle faul.

00:03:50: Und nach allen Zahlen, die ich kenne, geht es auch an der Realität der Menschen vorbei.

00:03:54: Denn die Leute sind, glaube ich, gar nicht so.

00:03:57: Foul, sondern viele, wie ich zuletzt las, über siebzig Prozent wären bereit, mehr zu arbeiten.

00:04:03: Und damit kommen wir, glaube ich, auch zum entscheidenden Punkt, wenn es sich denn auszahlen würde.

00:04:07: Also, wenn sie wirklich mehr Netto vom Brutto hätten, wie man so sagt, also, dass alle krank feiern, das halte ich für Blödsinn.

00:04:15: und dann so einen Nebengleis aufzumachen und so sagen, ja, dann müssen wir jetzt die telefonische Krankschreibung bleiben lassen, damit die Arztparks noch voller werden und sich alle gegenseitig anstecken.

00:04:26: Also das ist dann schon sehr nah am Populismus.

00:04:29: Bleiben wir mal bei der Frage, wie über Arbeit gesprochen wird.

00:04:33: Ein anderer Begriff, der ja seit dieser Woche plötzlich im Raum steht, ist die sogenannte Lifestyle-Teilzeit.

00:04:39: Florian, was steckt dahinter dieser Debatte?

00:04:41: Geht es da wirklich um die Einzelfälle von Menschen, die weniger arbeiten wollen, können oder müssen oder grundsätzlich eine politische Richtung in der Arbeitsmarktpolitik?

00:04:50: Manchmal halt man ja bei den Debatten den Eindruck, noch absurd geht es eigentlich nicht und dann setzt ein Politiker doch noch einen drauf.

00:04:56: Und diese Lifestyle-Teilzeit, das ist wirklich der Gipfel der Absurdität, weil es ja impliziert.

00:05:03: Ein Vorwurf, dass wir alle in diesem Land eigentlich nicht so richtig arbeiten wollen, sondern nur noch im Sinne der Work-Life-Balance uns einen schönen Lenz machen.

00:05:13: Wenn man sich jetzt aber mal die Realitäten anschaut, dann sehen die so aus, dass es eben viele Menschen gibt, die müssen sich kümmern, beispielsweise um Kinder, beispielsweise um kranke Eltern, um Verwandte, um ähnliche Probleme.

00:05:27: Und die brauchen einfach mehr Zeit im Tagesablauf, um das erledigen zu können.

00:05:32: Und trotzdem wollen sie tüchtige Menschen in ihrem Arbeitsjob sein.

00:05:36: Und das ist eine modernen Realität.

00:05:38: Es ist nicht mehr so wie früher, dass man einfach alles nur für eine Tätigkeit und eine Arbeit gibt.

00:05:44: Und alles andere schiebt man weg.

00:05:46: So funktioniert einfach dieses Land nicht mehr.

00:05:48: Und dann von Politikern zu hören, dass das eigentlich unmoralisch sei.

00:05:53: Denn das klingt ja dabei so ein bisschen mit, wie jetzt, dass diese Forderung von Gitta Konnemann aus der CDU, ich glaube, das führt eher noch zu mehr Polarisierung und mehr Spaltung und auch... am Ende zu mehr Politikverdorsenheit.

00:06:07: Sehe

00:06:07: ich ganz ähnlich.

00:06:08: Ich glaube, der Punkt ist ja folgender.

00:06:09: Es gibt eine große Ironie darin, dass es ausgerechnet die Union ist, die jetzt sagt, es gebe so viel Lifestyle Freizeit, weil die Leute zu viel Teilzeit arbeiten.

00:06:18: Rein statistisch sehen wir ja, dass noch immer das Modell vorherrscht.

00:06:22: Er arbeitet Vollzeit, sie arbeitet Teilzeit.

00:06:26: Viele Jahre hat sie gar nicht gearbeitet.

00:06:28: Warum?

00:06:29: Weil es das Ehegartensplatting gibt und gab.

00:06:32: Das heißt, die gleiche Partei.

00:06:34: die es eigentlich für Frauen uninteressant gemacht hat, mehr zu arbeiten, sagt jetzt, ja, das ist ja alles Lifestyle.

00:06:39: Dabei gibt es so viele Leute, die in... Prekärenverhältnissen oder anderen Leben, die allein erziehen sind, die gar nicht anders können als nur Teilzeit zu arbeiten, um alles irgendwie unter einen Hut zu bringen.

00:06:51: Und deswegen finde ich es gerade von der Union so besonders spalterisch zu sagen, ja komm, ist ja alles Lifestyle, was ihr da macht.

00:06:57: Ihr wollt ja alle nur frei haben und deswegen arbeitet ihr Teilzeit.

00:07:00: Es geht für viele an viele, viele Menschen, die ich kenne aus meinem Umfeld, geht es gar nicht anders, um irgendwie über die Runden zu kommen.

00:07:06: Und da haben wir noch gar nicht über Mietpreise und Ähnliches geredet.

00:07:10: Und trotzdem, glaube ich, gibt es einen Punkt, über den wir reden müssen in diesem Land.

00:07:14: Nämlich die Frage, was sind wir denn bereit zu leisten?

00:07:18: Und zwar nicht nur in unserem persönlichen Leben, an unserem Arbeitsplatz.

00:07:22: Sondern wenn wir mal ein bisschen weiter aufziehen, der Debatte und schauen, wo stehen wir gerade als Land, als Gesellschaft und wie verändert sich die Welt.

00:07:31: Und da merkt man eben, wir als Land wollen als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt mit den Amerikanern konkurrieren, mit den Chinesen konkurrieren.

00:07:38: Und wenn man sich da die blanken Zahlen ansieht, stellt man einfach fest, die Chinesen arbeiten sehr viel mehr.

00:07:45: Nämlich sechs Tage die Woche, bis zu zwölf Stunden.

00:07:47: Die Amerikaner arbeiten auch rund ein Drittel mehr als wir.

00:07:50: Was jetzt im Unkehrschluss nicht bedeutet, dass wir so viel arbeiten sollten wie die Chinesen, weil es vielleicht auch anders organisiert ist dort.

00:07:57: Aber wir sind in einem internationalen Konkurrenzverhältnis und wir müssen schon die Bereitschaft aufbringen, mal zu reflektieren.

00:08:03: Können wir hierzulande so weitermachen wie gegenwärtig oder müssen wir an die ein oder andere Stellschraube ran?

00:08:09: Und das ist dann auch nicht nur eine Aufgabe für Politiker, sondern eigentlich für alle Menschen in diesem Land.

00:08:13: Wobei man da natürlich der Zusage muss, also zu China würde ich einmal gerne sagen, die Arbeitsbedingungen und die Art und Weise, wie dort gearbeitet wird, das habe ich gesehen, als ich im Frühjahr dort war.

00:08:22: Das ist natürlich nur erklärbar aus einem System, dass eine sehr seltsame Mischung aus Freiheit und Unterwerfungen lebt, also Unterwerfungen einfordert, sehr viel Unterwerfungen einfordert und sagen wir mal einen eher eingeschränkten Freiheitsbegriff hat, im Gegensatz jetzt zu unserem westlichen.

00:08:38: Aber zurück zu Deutschland.

00:08:40: Ich glaube gar nicht, dass wir so wenig arbeiten.

00:08:43: Mindestens ist es statistischer nicht haltbar.

00:08:45: Also wir sind zwar, und da gebe ich Ihnen recht, wir sind zwar schlusslich in Europa mit thirty- vier Komma acht Stunden.

00:08:52: Das ist wirklich wenig.

00:08:54: Das da schlägt sich die Teilzeit nieder.

00:08:57: Auf der anderen Seite muss man aber sagen, haben wir eine Beschäftigungskote von Einen Achtzig Prozent und das wiederum ist die höchste in der gesamten EU.

00:09:05: Und da stehen wir gar nicht so schlecht da und da stehen wir auch gar nicht so faul da.

00:09:09: Ich glaube strukturell ist das Problem einfach.

00:09:11: dass Europa, und nicht nur Deutschland, wir auch, aber vor allem Europa, bei sehr vielen Entwicklungen hinter.

00:09:17: Amerika hinter die USA zurückgefallen sind und sehr viele Entwicklungen verschlafen haben, die wir besser nicht hätten verschlafen sollen.

00:09:25: KI, Internet und vieles mehr, worüber wir heute in den Debatten und die Abhängigkeit von den USA ja auch viel sprechen.

00:09:30: Die Art und Weise, wie wir hier arbeiten, ist eigentlich über Jahrzehnte sehr erfolgreich gewesen, weil wir eine hohe Produktivität haben.

00:09:37: Das heißt, im Durchschnitt, wenn man hier im Land etwas auf die Beine stellt, dann hat das nicht nur Hand und Fuß und es funktioniert gut.

00:09:44: Entschuldigung, das war jetzt ein schräge Sprachbild, aber lassen wir das mal durch.

00:09:47: gehen.

00:09:48: Das heißt, die Art und Weise, wie wir uns hier organisieren, ob in den Fabriken, in den Handwerksbetrieben, in der Dienstleistungsgesellschaft, sonstwo, funktioniert in der Regel gut.

00:09:57: Und die überwiegende Zahl der Menschen scheint auch den Eindruck zu haben, dass das, was sie tut, sinnvoll ist.

00:10:03: Dass sie also selbst wirksam sind, die Menschen.

00:10:05: Und das führt auch wieder ein bisschen am Anfang zu der Frage nach den Krankheitstagen.

00:10:09: Es gibt Forschungen, die sehr klar belegen.

00:10:11: Menschen sind häufiger krank und fehlen am Arbeitsplatz.

00:10:15: Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihre Tätigkeit sinnlos ist oder nicht wirklich produktiv ist oder nicht wirklich auf ein großes Ziel einzahlt, man sieht es zum Beispiel leider Gottes relativ häufig im öffentlichen Dienst, weil man da vielleicht nur ein kleines Rädchen ist in einem großen staatlichen Konstrukt, wo man nicht so genau weiß, bringt das jetzt was, dass ich dieses Formular so nicht anders ausfülle und weitergebe.

00:10:36: Das heißt, die Frage der Produktivität ist immens wichtig, tue ich etwas Sinnvolles und träge das dazu bei, dass es am Ende gelingt.

00:10:44: ein besseres Ergebnis zu erzielen.

00:10:46: Und wenn wir an der Stelle ansetzen, also Arbeit attraktiver machen.

00:10:50: Und ja, da spielt sicher, was Florian Schöder gesagt hat, vieles von dem, was jetzt neu in die Debatte reinkommt, wie künstliche Intelligenz und ehrlich ist, eine große Rolle.

00:10:58: dann glaube ich, werden die Leute auf weniger krank sein, dann werden wir wieder erfolgreicher sein und dann können wir auch international viel stärker im Wettbewerb bestehen.

00:11:06: Und ich glaube, es hat vielleicht auch etwas zu tun mit und das setzt ein bisschen da an mit dem Thema Fehlerkultur.

00:11:11: Also es ist ja in den Forschungen beispielsweise von Gerhard Gigerrenzer, dem Psychologen sehr oft nachgewiesen worden, dass in dem Moment, in dem Menschen bei der Arbeit Eigenverantwortung übertragen wird, also sie das Gefühl haben, sie sind gewünscht, sie sind gewollt, sie sind ausgewählt und man überträgt ihnen eine Verantwortung und hat darin Vertrauen, dass sie denn auch wesentlich mehr und wesentlich lieber arbeiten und umgekehrt, aber haben wir eben eine Fehlerkultur, die sehr stark darauf aus ist Fehler zu ahnten, Fehler nicht zu verzeihen und nicht zu sagen, okay hast du gemacht, wir gucken mal wie wir weitermachen und wo die Ursachen lagen, sondern oh Fehler scheitern besser weg.

00:11:49: und es gibt die Paradoxie auch bei Gigarenzer, dass Menschen die Fehler machen dürfen.

00:11:54: Also wo es einen Umfeld gibt, einer Kultur, die sagt, hey, das wird passieren, das wird dir passieren, das wird mir passieren.

00:11:59: Und dann gucken wir es uns an, dass dort weniger Fehler passieren und dort, wo Fehler sehr stark geahndet werden oder sehr stark bestraft werden oder nicht gemacht werden sollen, da passieren sie.

00:12:08: Wir kennen das alle von so Menschen, wo wir schon am Blick sehen, oh Gott, oh Gott, der guckt in einer Art und Weise auf mich, als könne ich es nur falsch machen und macht man Dinge falsch, die man den anderen zusammenhängen, nie falsch gemacht hätte.

00:12:20: Und das sind, glaube ich, verschiedene Faktoren, die da zusammenkommen, die auch viel mit Vertrauen zu tun haben.

00:12:26: Und da sind wir eher auf dem Weg in eine Misstrauensgesellschaft.

00:12:31: Schauen wir nochmal auf die Abgaben.

00:12:32: Florian Schröder hat das ja eingangs schon gesagt, ein Vollzeitjob bedeutet ja einfach auch mehr Abgaben.

00:12:37: Braucht es also nicht eigentlich eher eine Steuerreform, damit sich mehr Erarbeiten auch einfach Lohnflurien haben?

00:12:42: Oh ja,

00:12:42: lasst uns alle drei bitte eine Steuerreform fordern.

00:12:45: Und ich glaube, an unserer Seite stünden dreiundachtzig Millionen andere Menschen.

00:12:49: Der Steuersystem in Deutschland ist fürchterlich.

00:12:51: Es ist wirklich das allerletzte.

00:12:54: Und zwar nicht nur weil es unglaublich komplex ist, sondern weil es auch hochgradig ungerecht ist.

00:13:00: Also wenn man hierzulande sehr gut verdient und sich einen sehr guten Steuerberater leisten kann, dann findet man so viele Schlupflöcher, dass man nichts beitragen muss zum Gemeinwohl.

00:13:09: dass es wirklich hochgradig unanständig ist.

00:13:12: und im Gegensatz Menschen, die sich das nicht leisten können und die eher in einem angestellten Verhältnis sind, die müssen dann eben die volle Steuerlast entrichten.

00:13:19: Und das kann so nicht bleiben.

00:13:20: Also ja, ja, ja, wir brauchen eine richtig tiefgreifende Steuerreform.

00:13:25: Ja, würde ich absolut zustimmen.

00:13:26: Also das ist ein Wahnsinn, was man da jedes Jahr macht.

00:13:30: Ich bin ja in der Position des Selbstständigen und da kann ich nur sagen, also ich bin nun wirklich auch kein besonders guter Ablagenmensch, der jede Woche seine Belege ausfüllt und alles ordentlich ablegt.

00:13:45: Da bin ich auch nicht talentiert.

00:13:46: Zum Glück habe ich dafür Leute, die das für mich machen und trotzdem ist es jedes Jahr ein einziger Albtraum.

00:13:50: Und man kommt sich wirklich vor per se als Selbstständiger und jetzt sage ich mal so ein Aber ich meine so, man kommt sich per se vor wie ein Schwerverbrecher.

00:13:58: So als sei man als Selbstständiger jemand, der immer alles nur gegen den Staat sei.

00:14:02: Ich glaube, ich habe gewisse Sympathien und ich habe sie nicht komplett durchgerechnet.

00:14:07: Ich bin kein Ökonom, aber ich habe mittlerweile gewisse Sympathien für die alte Parakirche auf Idee, auf alles keine Ausnahmen, Ende der Debatte.

00:14:13: Und dann kann man sich das angucken.

00:14:14: Ich glaube, das würde funktionieren.

00:14:17: Und dann vielleicht noch obendrauf eine Verpflichtung beispielsweise zur Spende in bestimmte Bereiche.

00:14:25: Und dann kann man sich irgendwas auswählen, was man nimmt, abhängig vom Einkommen.

00:14:28: Kabarettisten zum Beispiel, könnte man auch mit Spenden...

00:14:31: Dringend, Komiker sowieso.

00:14:35: Gerade Komiker, die in dir Online-Podcasts auftreten, nagen so sehr am Hungertuch, dass sie dringend

00:14:41: konzentriert

00:14:41: werden müssen.

00:14:42: Dringend!

00:14:44: Chefredakteure könnten vielleicht auch was vertragen belegen.

00:14:46: Ein kleines bisschen Liebe.

00:14:48: Unbedingt.

00:14:48: Also die sind sowieso auch arme Schweine.

00:14:50: Gerade im Journalismus wird ja nichts mehr verdient.

00:14:52: Ganz arme Schweine, ja.

00:14:53: Ich könnte auch was gebrochen.

00:14:55: Während wir jetzt darüber diskutieren, wer viel viel arbeiten sollte und wer wie viel Geld bekommt.

00:14:59: Gibt es ja auch noch die Diskussion über den klassischen acht-Stunden-Tag.

00:15:03: Konkret geht es ja darum, dass die bisherige tägliche Höstarbeitszeit von acht Stunden aufzuweichen gilt und stattdessen stärker auf eine maximale Wochenarbeitszeit zu setzen, mit längeren Arbeitstagen an einzelnen Tagen, solange eben der Wochenschnitt stimmt.

00:15:17: Florian Harms, ist das aus deiner Sicht vor allem mehr Flexibilität oder kann das perspektivisch auch dazu führen, dass die tatsächliche Arbeitszeit insgesamt steigt?

00:15:27: Ich glaube, diese Diskussion ist das Eingeständnis, dass wir endlich mal erkennen, was die Uhr geschlagen hat, nämlich wie heutzutage die Realitäten aussehen.

00:15:35: Es ist einfach nicht mehr so wie in den Fünfzig oder Sechziger Jahren, dass sich der Lebensalltag der meisten Menschen in diesem Land relativ... gleich verhält, dass man eben morgens aufsteht, dann geht man zur Arbeit, dann kommt man nach Hause, dann hat man noch ein bisschen Zeit mit der Familie.

00:15:50: Nimm mal unser Beispiel, Nicole, in unserer Redaktion, in einer News-Redaktion.

00:15:54: Wir sind voll eingestellt auf die Nachrichtenlage.

00:15:58: Und wenn Herr Trump mal wieder irgendwas anzettelt, na ja, dann arbeiten wir eben länger, dann holen wir mehr Leute rein, dann müssen die Reporter raus.

00:16:04: Und wenn es mal an einem Tag etwas ruhiger ist, dann haben wir vielleicht auch mal Zeit, früher nach Hause zu gehen.

00:16:09: Und ich glaube, dass das sich durchsetzen sollte.

00:16:13: Der Staat sollte nicht exakt vorschreiben, wie viel ich jeden Tag arbeiten kann und soll, wenn ich eben in einem angestellten Verhältnis bin.

00:16:21: Er sollte aber den Rahmen setzen.

00:16:23: Der Arbeitsschutz ist schon wichtig.

00:16:24: Es gibt in Deutschland auch viele prekäre Arbeitsverhältnisse, wo Menschen auch ausgenutzt werden, wo sie krank werden, weil sie zu viel arbeiten, weil zu viel auf ihren Schultern lastet.

00:16:34: Das heißt, das ist eine Gratwanderung.

00:16:35: Es braucht einen Rahmen, aber innerhalb dieses Rahmens brauchen wir jetzt mehr Flexibilität.

00:16:39: Ja, da würde ich zustimmen.

00:16:40: Also das ist, glaube ich, ganz wichtig, dass man da nicht an so einem alten Denken festhält, acht Stunden, sondern dass Menschen sich das flexibel aufteilen können.

00:16:49: Und neulich las ich eine sehr spannende Statistik im Zusammenhang mit dieser Debatte ein Grund, zum Beispiel für Menschen auch mehr zu arbeiten, ist flexiblere Homeoffice-Regeln.

00:16:59: Also das, was wir überhaupt eigentlich erst durch Corona kennengelernt haben.

00:17:03: Und wenn wir uns angucken, dass wir im Grunde in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ja in einer Ideologie leben, die den Menschen sagt, Selbstbestimmung ist alles, Selbstwirksamkeit ist alles, entscheide du für dich, du alleine bist für dich verantwortlich, wie weit du kommst, du musst alleine dein Glück finden.

00:17:18: dann ist es, glaube ich, auch etwas, was die Menschen internalisiert haben.

00:17:21: Und man kann das jetzt auf der einen Seite als neoliberales Dogma abtun, aber das würde ich gar nicht tun, sondern ich würde sagen, das ist doch eine Chance, dass die Menschen gelernt haben, sie sollen für sich selber sorgen, jetzt wollen sie es tun, dann gibt ihnen doch auch die Möglichkeit zu entscheiden, ob sie innerhalb einer Woche eine bestimmte Arbeit machen wollen oder ob sie sie an einem Tag machen wollen.

00:17:37: Ich kenne das von mir auch.

00:17:38: Es gibt Tage, da warte ich dem Abend entgegen und bin völlig unproduktiv und frage mich, was ist eigentlich heute los?

00:17:45: Und am nächsten Tag merke ich ab zehn Uhr Und es fließt von allein und ich könnte dreizehn Stunden arbeiten.

00:17:52: Also ich glaube, das ist auch dem Menschen sehr viel näher dieses Modell.

00:17:56: Es gibt eine schöne Fernsehserie, ich glaube, aus den siebziger oder achtziger Jahren von Rainer Werner Fassbinder.

00:18:01: Acht Stunden sind kein Tag mit dem großartigen Gottfreudion in einer der Hauptrollen.

00:18:06: Und die kann man sich noch mal anschauen, die gibt es auch im Internet weitgehend zu sehen, glaube ich, bei YouTube und anderen Orten, weil man da eben feststellt, wie sich auch das Selbstverständnis von Menschen verändert hat, welche Rolle Arbeit im heutigen Leben spielt und natürlich auch, wenn man es dann mit der heutigen Situation vergleicht, wie die Arbeit und die Freizeit anfangen zu verschwimmen.

00:18:30: Das ist auch ein Problem.

00:18:31: Das ist nicht nur gut, dass ich dann eben, wenn ich ausgehe, auf meinem Handy auch noch die E-Mails meine Chefs habe.

00:18:37: Das ist eine neue Situation, auf die wir uns einstellen müssen, aber wahrscheinlich geht es gar nicht mehr anders, als dass wir da mehr Flexibilität an den Tag legen.

00:18:44: Das wird damit umgehen und trotzdem darauf achten, dass wir, wenn wir viel gearbeitet haben, eben auch mal den Kopf wieder frei kriegen, um nicht immer nur da oben diese kleinen Rädchen drehen zu haben, denn dann, das wissen wir, kann das auch krank machen.

00:18:57: Wir machen an der Stelle mal einen harten Cut und schauen mal auf die politische Debatte in anderer Richtung.

00:19:06: Es ist ja sehr emotional.

00:19:07: Das haben wir gesehen auch jetzt bei der Arbeitsdebatte.

00:19:09: Es wird emotional diskutiert und diese Aufgeladenheit prägt ja nicht nur die sozialpolitische Frage, sondern auch den politischen Diskurs insgesamt.

00:19:18: Florian Schröder, Sie setzen sich ja seit Jahren satirisch mit politischen Strömungen und vor allem mit der AfD auseinander.

00:19:25: Das hat Ihnen in der Vergangenheit ja sogar juristische Auseinandersetzungen eingebracht und auch Kritik.

00:19:31: Trotzdem, Sie positionieren sich sehr klar gegen die AfD.

00:19:34: Warum ist es Ihnen da so wichtig, nicht neutral zu bleiben?

00:19:38: Also Neutralität ist für einen Satiriker das Todesurteil, das gilt grundsätzlich.

00:19:43: Also wenn ich neutral bin, muss ich aufhören zu arbeiten.

00:19:46: Es ist viel wichtiger, dass man in meinem Job Positionen einnimmt, Gedanken ausprobiert, auch durchaus mal Haltungen einnimmt, die vielleicht gar nicht die eigene ist, um dem Publikum etwas vorzuführen oder das Publikum bei sich selbst zu ertappen.

00:19:59: Das Thema AfD ist mir deshalb wichtig, weil meine Arbeit ich in erster Linie als antidokmatische verstehe.

00:20:04: Das heißt, ich arbeite an gegen alle Extremismen, die ich sehe.

00:20:08: Das geht von religiösen Fundamentalismen über Politische.

00:20:13: Das geht gegen Linksextremismus, genau wie gegen Rechtsextremismus.

00:20:16: Das Entscheidende für mich ist aber... In der Abwägung der Extremismen, die wir haben, ist der Rechtsextremismus für mich die realistischste und größte Gefahr, die wir haben.

00:20:28: Vor dem Islamismus und vor dem Linksextremismus, das zeigen die Zahlen.

00:20:32: Das zeigt der Erfolg der AfD.

00:20:34: Das ist eine Partei.

00:20:36: die in ihrer Menschenfeindlichkeit noch gar nicht genau genug gesehen ist und auch in dem, was sie eigentlich will, nämlich der Abschaffung von allem, was wir heute kennen, nämlich der Abschaffung des Liberalismus, des liberalen Zusammenlebens.

00:20:48: Und das tut sie auf sehr perfide, sehr geschickte Art und Weise, indem sie sich verkauft als die Partei der Freiheit und Ähnliches.

00:20:55: Das tun übrigens alle Rechtspopulisten international.

00:20:58: Man sieht es besonders deutlich im Moment im Trump-Regime, wie man mittlerweile sagen muss.

00:21:02: Und das ist mir einfach ein Anliegen, weil ich Einträte für eine Gesellschaft, in der es viele Perspektiven gibt, viele Menschen gibt, unterschiedliche Menschen gibt, die einen Weg finden sollen und müssen miteinander zusammenzuleben oder um es weniger Romantische zu sagen, nebeneinander zu sein und sich auf eine produktive Art und Weise auch egal sein zu dürfen.

00:21:24: Florian Harms, glaubst du, dass Satire mehr die politische Debatte versachlichen kann oder verstärkt sie am Ende eigentlich die Polarisierung?

00:21:33: Nein, ich glaube, sie kann offenlegen, wo das Problem liegt.

00:21:36: Das ist ja das Schöne, dass man eben von Satirikern ganz häufig exakt den Punkt entlarvt sieht, den man vorher vielleicht in einer stundenlangen politischen Debatte in langartigen Leitartikeln höchstens umkreist hat.

00:21:50: Und deshalb bin ich ein großer Anhänger von Satirikern, von Komikern, weil sie uns eben schonungslos zeigen, wo der Hasenpfeffer liegt.

00:21:58: Und was die AfD anbelangt, glaube ich, dass wir sehr klar benennen müssen, was da gerade passiert, dass wir diese Radikalisierung, diesen Extremismus bei führenden Funktionären dieser Partei wirklich klar als Bedrohung unserer liberalen freiheitlichen Demokratie benennen und dass wir zugleich nicht den Fehler machen, alle Menschen, die irgendwie mit dieser Partei sympathisieren, zu känzeln.

00:22:26: Wir haben hier im Podcast ja auch schon diskutiert mit Anhängerinnen und Anhängern der AfD.

00:22:31: Ich halte das für wertvoll und für richtig.

00:22:33: Man muss im Gespräch bleiben, man muss dann auch klar benennen, wo die Unterschiede sind.

00:22:37: Zum Ergebnis kommen, we agree to disagree, aber wir bleiben im Gespräch.

00:22:40: Denn wenn wir uns nur canceln, dann landen wir irgendwann dort, wo die Amerikaner heute sind, in einer komplett gespaltenen Gesellschaft, wo man nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander redet und sich nur noch beschimpft.

00:22:50: Da würde ich sehr zustimmen, zumal das Problem dessen, was wir canceln nennen, ja... Eine Machtgeste ist... hinter der eigentlich etwas anderes steht, nämlich Ohnmacht und Angst.

00:23:01: Und wenn Medienmacher, wenn Medienleute oder Menschen des öffentlichen Lebens Angst vor Begegnung haben und sagen, mit dem oder der darf man nicht reden, dann hört man ja meistens zwei Sätze später, ja, aber wenn der gewinnt oder am Ende hat es doch keinen Sinn.

00:23:15: und was ist wenn?

00:23:16: und was sagen dann die Leute und so.

00:23:19: Und man muss, glaube ich, eine Souveränität und eine Angstfreiheit gewinnen in diesem Diskurs.

00:23:25: Ich habe es versucht, langen Querdenker auftritt.

00:23:27: Ich bin zu Julian Reichelt, zu News gegangen, habe mich anderthalb Stunden mit dem unterhalten.

00:23:31: und wenn man entlarvend ist und bei sich ist und vorbereitet ist und klar ist, dann kann man jedes Gespräch.

00:23:37: führen.

00:23:38: Und dann wird man auch die eigenen Schwachpunkte, aber auch die Schwachpunkte des Gegners zeigen.

00:23:43: Und danach gibt es nach meiner Wahrnehmung ein großes Bedürfnis, nämlich dass Menschen auch unterschiedlichster Lager miteinander sprechen und sich ausreden lassen, aber auch in der Sache einander gegenüber klar auftreten.

00:23:54: Und da wäre ich für mehr Angstfreiheit.

00:23:56: Florian Schröder, wenn man sich beruflich ständig mit solchen politischen Konflikten, mit Zuspitzungen und mit vielen Negativen beschäftigt, wie schafft man es dann eigentlich, noch den Humor zu behalten?

00:24:05: Der Humor erwächst ja aus dem Negativen.

00:24:07: Also das ist ja, glaube ich, eine Verwandtschaft zum Journalismus.

00:24:11: Journalisten sehen ja auch etwas, was quer liegt, was nicht funktioniert, was skandalös ist, was auch immer.

00:24:17: Und dann geht es los.

00:24:19: Und ähnlich ist es bei mir auch.

00:24:21: Das heißt, da, wo ein Wiederhaken ist, da, wo ich spüre, da laufen die Dinge nicht glatt.

00:24:26: Da ist irgendwo ein Spalt in der Wirklichkeit.

00:24:29: Da werde ich wach.

00:24:30: Und das macht mich produktiv und das lässt mich dann wiederum... überhaupt erst den Humor entdecken.

00:24:37: Also das Gegenteil wäre ja affirmativer Humor.

00:24:40: Also und das ist für mich gar nicht vorstellbar.

00:24:42: Also wenn ich jetzt sagen würde, das und das und dies und jenes, finde ich schön, das ist toll auf der Welt, das gefällt mir, da würde mir nichts Unterhaltsameres dazu einfallen, da würde mir nichts dazu einfallen, was die Leute zum Lachen bringen würde.

00:24:53: Schauen wir mal auf den Humor der Politiker.

00:24:55: Es fällt ihm, also den Politikern jetzt nicht so unbedingt leicht Menschen zu überzeugen, fehlt da vielleicht auch der Humor in der politischen Debatte?

00:25:02: In der Debatte fällt häufig sehr viel ernst ab.

00:25:06: Das finde ich auch.

00:25:09: Ich denke gerade nach, ich glaube, es fehlt uns ein bisschen der Humor.

00:25:12: Aber das größere Problem sehe ich fast darin, dass zu viele Leute behaupten, humorvoll zu sein, die es nicht sind.

00:25:21: Also die Instrumentalisierung des Humors durch Extremisten.

00:25:25: Also... Wenn man sich anguckt, wie wir erinnern uns alle an den Galgen für Sigmar Gabriel und Angela Merkel, was dann als Satire gekennzeichnet wurde.

00:25:32: Also es gibt gerade von der Seite schon den Versuch, gerade bei rechtsextremen Humor oder dem Versuch dieses Humors auch Satire und Humor zu vereinnahmen für eigentlich ganz andere Zwecke.

00:25:42: Und da muss man dann wiederum die Kunstform fast schützen.

00:25:46: Aber ein bisschen mehr Leichtigkeit und Humor würde uns ganz gut tun.

00:25:49: Ich mache jedes Jahr ein Jahresrückblick mit Steinbrück zusammen und da bei dem sehe ich schon, was möglich ist.

00:25:55: auch an humorvollen Zwischentönen, an Leichtigkeit, an Zuspitzung, die aber zugleich nicht menschenfeindlich wird.

00:26:01: Und das können wenige im Bundestag.

00:26:03: Das liegt daran, dass das rhetorische Niveau immer weiter sinkt und dass es immer weniger Leute gibt, die auch die Sicherheit haben, sich das zu trauen.

00:26:11: Florian Hammes, was glaubst du?

00:26:12: Würde der deutschen Politik etwas mehr Humor gut tun?

00:26:14: Ja, bestimmt.

00:26:15: Und überall da, wo jemand humorvoll ist, fällt das ja sofort auf, ob das jetzt Steinbrück ist oder Gregor Gizzi, Menschen, die sich das zutrauen.

00:26:23: Und das ist, glaube ich, genau der Punkt.

00:26:25: Die sind irgendwie sympathisch.

00:26:27: Und ich glaube ja, was Florian Schröder zuletzt gesagt hat, die sich das noch trauen, das sind eben nicht mehr viele, weil man heutzutage damit rechnen muss, wenn man in die Öffentlichkeit geht als Politikerinnen, als Politiker, dass man sofort in den sozialen Medien auseinandergenommen wird, dass dann auch auf perfidere Art und Weise das, was man gesagt hat, entstellt wird.

00:26:47: Also Videos werden neu geschnitten, neu zusammengesetzt.

00:26:50: Und das wird dann millionenfach verbreitet, so dass man dann in einem Shitstorm wirklich untergeht.

00:26:57: Und da braucht man schon eine sehr dicke Haut, um das durchzustehen, eine große Souveränität.

00:27:01: Und die haben eben meistens nur Menschen, die wirklich eine bewegte Biografie haben, die vielleicht auch schon ein bisschen älter sind, die viel erlebt haben, um dann sagen zu können, nee, da stehe ich drüber.

00:27:11: Ich wünsche mir das verstärkt, ich wünsche mir dabei aber auch die Souveränität zur Selbstkritik, also auch über sich selbst lachen zu können.

00:27:19: Übrigens nicht nur von Politikern, sondern auch von uns Journalisten.

00:27:21: Wir denken auch zu häufig, dass wir die Weisheit mit Löffeln gefressen hätten.

00:27:25: Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, haben wir nicht.

00:27:30: Das haben wir seit Dirk auch nicht.

00:27:32: Das hat keiner.

00:27:33: Und ich stelle an mir selbst auch fest und deswegen würde ich da sehr zustimmen.

00:27:38: Ich stelle an mir auch fest, dass ich vor einigen Jahren, glaube ich, wesentlich mehr gewagt habe, aber auch an Dingen, die weniger durchdacht waren, mich dabei für mutiger hielt, aber im Grunde viel weniger ausgehalten habe.

00:27:53: Und natürlich finde ich, wer den Arsch aus dem Fenster hängt, muss damit rechnen, dass es drauf regnet.

00:27:57: Das heißt, auch ich muss natürlich den Gegenwind aushalten.

00:28:00: Und es ist eine Frage der Zeit, es ist eine Frage der Reflexion, auch der wachsenden Souveränität gewisse Dinge einschätzen zu können und zu sagen, okay, hier gehe ich ein Risiko ein, aber ich gehe ein Risiko ein, von dem ich weiß, dass es insofern berechenbar ist, als sich danach, es begründen kann.

00:28:15: Und niemand ist entbunden von der Begründungspflicht, übrigens auch Satireka nicht.

00:28:19: Ich finde es entsetzlich, wenn Satireka sagen, ja war nur Spaß, war doch Satire, haha.

00:28:23: Also auch wir müssen gerade heute bei den Fakten bleiben und dann können wir zuspitzen und übertreiben.

00:28:28: Aber wenn man weiß, was man tut, dann kann man auch über eine gewisse Grenze gehen, kann ins Risiko gehen und dann kommt vielleicht der Schützdom, aber am Ende, wenn man selbst safe ist, wird man auch richtig verstanden.

00:28:38: Aber das ist eine Sache der Entwicklung.

00:28:40: Das geht... Schwer mit Mitte zwanzig.

00:28:42: Wir wollen jetzt kurz vom Ende nochmal ein bisschen das Tempo anziehen in unserem Fragen.

00:28:46: Noch

00:28:46: schneller, da komme ich auch nicht mehr mit.

00:28:48: Florian Schröder, wir haben fünf kurze Fragen.

00:28:51: Wir brauchen fünf kurze Antworten.

00:28:53: Los geht's, Frage eins.

00:28:54: Was ist derzeit für Sie politisch am absurdesten?

00:28:58: Am absurdesten ist im Moment, dass eine Bundesregierung, die angetreten ist im Wissen, dass sie den letzten Schuss frei hat, die nächsten vier Jahre so dermaßen unklar rumdümpelt.

00:29:10: Thema Lifestyle, Teilzeit.

00:29:11: Echtes Thema oder eine aufgeblasene Debatte?

00:29:14: Aufgeblasene Debatte trifft aber offenbar nerv.

00:29:17: Wie viele Stunden pro Woche arbeiten Sie?

00:29:21: Das kann ich nicht zählen.

00:29:22: Sehr viele.

00:29:23: Ich arbeite irgendwie gefühlt immer, wenn ich nicht schlafe.

00:29:26: Aber vieles ist auch einfach in meinem Kopf.

00:29:28: Wenn Sie eine politische Debatte für einen Monat komplett sparen dürften, welche wäre das?

00:29:35: Dann würde ich die ewig... anstrengenden Haushaltsdebatten mir sparen und sagen, macht es und dann ist Ruhe.

00:29:43: Ist aber illusorisch, weiß ich auch.

00:29:45: Gibt es Momente im politischen Geschehen, bei denen Sie sich selbst sagen, da fällt mir jetzt kein Witz mehr ein?

00:29:51: Ja, die gibt es immer.

00:29:52: dann, wenn etwas sehr dramatisches passiert, das mögen Naturkatastrophen, Kriege, ähnliches sein.

00:29:59: Also dort, wo sehr viele Menschen zu opfern werden, da wird es dann so, dass man sagt, da halte ich jetzt mal lieber den Mund.

00:30:06: Gibt es denn etwas, von dem Sie sagen würden, darüber reden wir Medien viel zu wenig, obwohl es eigentlich dringend nötig wäre?

00:30:15: Ja, ich finde, dass wir zu wenig über den Iran reden und dass wir zu wenig reden über das, was da passiert und auch zu wenig reden über das zweite große Scheitern der sogenannten in Anführungsstrichen Woken, ich nenne sie identitären Linken, wo nun wirklich... gar nichts mehr passiert.

00:30:32: Nach dem siebten Oktober haben sie sich im Grunde schon geoutet, aber da waren sie wenigstens noch auf der Straße.

00:30:36: und das Greta Thunberg nicht mit ihrem Schiffchen im persischen Golf fährt, sagt doch alles, warum diese Bewegung tot ist.

00:30:41: Und da könnte man viel mehr darauf gucken.

00:30:43: Auf das Schicksal der Menschen im Iran, aber auch auf diese ausbleibenden Reaktionen und was da im Kern an Antisemitismus in meinen Augen auf der Linken nicht aufgearbeitet ist.

00:30:53: Ja, es stimmt.

00:30:54: Also im Iran, das ist grauenvoll, weil ja auch das Regime das Internet gekappt hatte, sind die Informationen erst sehr sperrlich zu uns gedrungen.

00:31:03: Anfangs war von einigen hundert, dann einigen tausend erschossenen Demonstranten die Rede.

00:31:08: Die neuesten Zahlen aus den vergangenen Tagen deuten auf ein Vielfaches hin auf mehr als dreißigtausend bestialisch ermordete Demonstranten.

00:31:16: Das wäre wahrscheinlich das größte Massaker, das es je gab an Demonstranten.

00:31:21: Und das Regime ist einfach nicht nur hochgradig korrupt, sondern auch so brutal, dass man anders mit dem umgehen muss.

00:31:29: Und man muss mehr darüber berichten, man muss mehr hinschauen, man muss auch schauen, was jetzt möglicherweise an diesem Wochenende oder in den kommenden Tagen passiert.

00:31:36: Donald Trump rastelt mit dem Säbel und droht dem Regime mit einem Enthauptumsschlag, einem Militärschlag.

00:31:42: Das ist die Frage, was daraus erwächst.

00:31:44: Und ja, wir haben uns in der Redaktion auch vorgenommen, genauer hinzuschauen, noch mehr zu berichten.

00:31:49: Wir haben gute Leute, die darüber schreiben können, berichten können.

00:31:53: Und die ganze Frage, wie hierzulande damit umgegangen wird, also was Florian Schröder angesprochen hat, wie insbesondere die Linke wirklich in eine Doppelmoral auf diesen ganzen Konflikt im Nahen Osten reagiert, das ist schon echt absurd.

00:32:06: Und da kann man sicherlich auch noch weitere kritische Fragen stellen.

00:32:10: Damit sind wir aber jetzt schon auch am Ende dieser Folge von Tagesanbruch, die Diskussion.

00:32:15: Herzlichen Dank für Ihre Zeit, Florian Schröder.

00:32:18: Vielen Dank für die Einladung.

00:32:19: Sehr gerne und vielen Dank, Florian Harms.

00:32:22: Sehr gerne und danke.

00:32:24: Gerne.

00:32:25: Liebe Hörer, ich hoffe, Ihnen hat diese Folge gefallen.

00:32:28: Haben Sie uns noch was zu sagen?

00:32:29: Dann melden Sie sich gerne unter podcast.tionline.de oder Sie schicken uns eine Sprachnachricht.

00:32:34: Sie erreichen uns nun auch über WhatsApp.

00:32:36: Die Nummer finden Sie in den Showloads.

00:32:38: Was bewegt Sie?

00:32:39: Worüber sollten wir in den nächsten Folgen

00:32:41: sprechen?

00:32:41: Melden Sie sich sehr gerne.

00:32:43: Außerdem freuen wir uns über eine Bewertung bei Spotify oder Apple Podcasts.

00:32:46: Mit Ihren Bewertungen helfen Sie uns, noch mehr Menschen zu erreichen.

00:32:50: Danke fürs Zuhören.

00:32:51: Bis bald.

00:32:52: Tschüss und bleiben Sie ins Gewogen.

Über diesen Podcast

Der Nachrichtenpodcast von t-online zum Start in den Tag.

Im „Tagesanbruch“ ordnet t-online-Chefredakteur Florian Harms im Wechsel mit seinen Kolleginnen und Kollegen die wichtigsten Themen des Tages ein, analysiert und kommentiert. Am Wochenende geht es in einer längeren Diskussion mit prominenten Gästen um ein aktuelles, politisches Thema. Neue Folgen gibt es montags bis samstags ab 6 Uhr morgens.

Fragen, Anregungen und Kritik gerne an: podcasts@t-online.de

Den Tagesanbruch gibt es auch zum Nachlesen unter https://www.t-online.de/tagesanbruch

Wenn Ihnen der Podcast gefällt, lassen Sie gern eine Bewertung da.

von und mit Florian Harms

Abonnieren

Follow us